Mensch. Gesellschaft. Meer.

das Interview ­– Serie «Aberglaube» Teil 1

«Aberglaube hat nichts mit Intelligenz zu tun»

In unsicheren und unkontrollierbaren Zeiten sind Menschen vermehrt abergläubisch, sagt Andreas Hergovich. Der 59-jährige Professor der Universität Wien beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit Astrologie und Aberglauben. In der neuen Tentakel-Serie «Aberglaube» beschäftigen wir uns mit skurrilen und ernsthaften Angelegenheiten.

Heute ist Freitag, der 13. Sind Sie ein wenig nervös?
Andreas Hergovich: Eigentlich nicht.

Was heißt eigentlich?
Na ja, … obwohl ich milde Flugangst habe, wäre ich vermutlich geflogen. Aber für einen ganz wichtigen Termin oder die Abschlussprüfung an der Uni – hätte ich die Wahl zwischen zwei Daten – würde ich nicht einen Freitag, den 13., wählen.

Jetzt verblüffen Sie mich. Also doch anfällig für Aberglauben?
(lacht) Nein, ich glaube nicht daran, dass der 13. Unglück bringt. Aber weil man es so oft gehört hat, hat man es vielleicht ein bisschen internalisiert – und das kann sich aufs Handeln auswirken.

Andreas Hergovich / Foto: zvg

Heute habe ich mir aus Neugierde fast die Hand online lesen lassen.
An einer Esoterikmesse ließ ich es mal zum Spaß machen. Die Handleserin sagte nette Sachen, dass ich ein langes Leben haben werde, zum Beispiel. Das hört man ja gerne, wenn Handleser Komplimente machen und positiv in die Zukunft schauen. Allerdings waren einige Sachen sehr zutreffend. Dinge, die man aber mit psychologischem Gespür wahrscheinlich einfach diagnostiziert, wenn man jemandem gegenübersitzt und sich einfühlen kann.

Und zu Horoskopen und Astrologie haben Sie ein Buch geschrieben. Alles Hokuspokus, sagen Sie.
Es gibt ja viele seriöse Studien zu Astrologie, zum Beispiel zu Datumszwillingen. Das sind Personen, die nichts miteinander zu tun haben, aber am selben Ort und zur selben Zeit – plus minus fünf Minuten – geboren sind. Diese Personen untersucht man über viele Jahre, vergleicht dann deren Schicksal, Persönlichkeit oder Intelligenz: Da kommt nix dabei raus.

Nix im Sinne von: keine Ähnlichkeiten?
Man würde ja erwarten, dass man bestimmten Sonnenzeichen, oder umgangssprachlich Sternzeichen, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zuschreiben könnte. Dass zum Beispiel alle Personen mit einem Sternzeichen, das gesellig oder extravertiert sein soll, gesellig oder extravertiert sind.

Astrologen sprechen von bestimmten Kräften, die auf einen Menschen einwirken.
Ja, von den Planeten. Und wie sie im Verhältnis zueinander stehen. Aber das hat man genau untersucht: Die Gravitationswirkungen von Planeten sind minimal. Das gilt selbst für den Mond, der ja sehr nahe an der Erde ist. Anders gesagt: Personen in unserem Umkreis haben eine stärkere Gravitation als der Mond.

Hat der Mond keinen Einfluss auf uns?
Psychologische Studien zeigen auf, dass es Mondgläubige gibt, das ja. Tatsache ist, dass nicht einmal der Zusammenhang zwischen dem Mond und dem weiblichen Zyklus belegt ist, oder was sonst noch alles behauptet wird. Etwa dass bei Vollmond Pflanzen besser wachsen oder man zum Friseur gehen sollte. Das ist alles Humbug. Es gibt keine Evidenz. Die Wirkung der großen Himmelskörper auf den Menschen ist statistisch nicht nachweisbar.

Horoskop, Handlesen, Freitag der 13.: Alles Aberglaube, der in Kategorien wie Observation und Divination eingeteilt werden kann (siehe Kasten)?
Ja, das sind Unterkategorien des Aberglaubens. Wie ich Aberglaube definieren würde: Es ist ein Glaube an Sachverhalte, die wissenschaftlich nicht nachweisbar sind.

Formen des Aberglaubens

Kaminfeger und Fliegenpilz, zerbrochener Spiegel und verschüttetes Salz – die einen bringen Glück, die anderen sind Boten des Unheils. Gemeinsam haben sie: Es sind alles Beobachtungen von Zeichen. Das wird Observation genannt und ist die populärste Form des Aberglaubens. Weitere Formen sind Divination und Zauberei. Divination ist die gezielte Auskunftssuche, dazu gehören unter anderem Astrologie, Kartenlegen oder Handlesen. Und in die Kategorie Zauberei fallen alle magischen Künste, die entweder Wünsche verwirklichen oder aber Schaden abwehren sollen: das Hufeisen über der Tür, das Daumendrücken oder das Verwünschen. (cal)

Da wären wir beim Glauben.
Beim religiösen Glauben?

Ja: Moses, der das Meer teilte. Oder der Osterhase, der die Eier versteckt.
Ich bin Agnostiker, sag ich mal. Ich habe schon eine gewisse Achtung vor der Theologie. Die gesamte Theologie oder den gesamten religiösen Glauben würde ich nicht in einen Topf mit sonstigen abergläubischen Praktiken oder Glaubenssystemen werfen.

Wieso nicht?
Insbesondere, weil es die Frage gibt:«Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?» Das ist eine der Urfragen der Philosophie, die die Naturwissenschaft keinesfalls beantworten kann. Für sinnvolle Antworten braucht man hier also die Philosophie oder die Religion in Zusammenarbeit mit der Philosophie. Mir gefällt das nicht, wenn der Glaube an Gott gleichgestellt wird mit dem Glauben an den Osterhasen, der Volksglauben ist.

Missfällt es Ihnen auch, Aberglauben mit Glauben gleichzustellen?
Aberglaube hat immer eine negative Konnotation. Wenn Menschen in religiösen Inhalten Sinn sehen – klar, jetzt kann man darüber streiten, was eine sinnvolle Gottesvorstellung ist –, dann würde ich das nicht abwerten wollen als einfachen Aberglauben.

Sondern?
Auch die Wissenschaft stößt an Grenzen. Wir können vielleicht einen Urknall konstatieren, aber warum es überhaupt einen gibt, diese Frage kann nicht physikalisch beantwortet werden. Denn das wäre ja ein regressus ad infinitum – ein Rückschreiten ins Unendliche. Wenn man ein physikalisches Ereignis durch ein anderes erklären kann, fängt es immer mit etwas Vorhandenem an.

Nun, die Kirche kreierte dieses Gegenstück «Aberglaube», um sich von Sachen abzugrenzen, die sie nicht will.
Ja, das war ein Abgrenzungsprozess. Nichtsdestotrotz gibt es in der Kirche Inhalte, die man als abergläubisch bezeichnen kann. Insofern finden sich im Glauben und Aberglauben schon Gemeinsamkeiten.

Gemeinsamkeiten? Die beiden Glaubensformen funktionieren doch gleich: Ich glaube an etwas, das ich nicht sehe und von dem ich nicht weiß, ob es existiert.
Unser Leben ist nicht nur bestimmt durch das, was wir sehen, wofür wir also empirische Evidenz haben. Und Glauben auf Nicht-Wissen zu reduzieren, verstehe ich als einseitig. Auch innerhalb der Wissenschaft müssen wir glauben, in dem Sinne, dass wir anderen Wissenschaftlern Vertrauen schenken, dass sie ihre Daten korrekt erhoben haben. Wir können nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis persönlich nachprüfen.

Blicken wir aufs Psychologische: Ist Aberglaube nicht einfach eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Ja, kann es sein. Ein Sportler, der immer ein bestimmtes Ritual vor dem Wettkampf durchführt, dem kann das Zuversicht geben. Dasselbe gilt für einen Talisman, wenn jemand daran glaubt. Kurzum: Wir internalisieren etwas, und das kann tatsächlich Wirkung auf etwas haben – unter Umständen sind wir erfolgreicher. Umgekehrt ist es möglich, dass am Freitag, dem 13., unser Tag weniger optimal verläuft, wenn wir von Vorneherein ein schlechtes Gefühl haben.

Wieso sind einige Menschen mehr, andere weniger abergläubisch?
Jüngere Menschen sind zum Beispiel leichtgläubiger. Das zeigen alle Studien: Je älter, desto weniger abergläubisch. Weiter ist es nach wie vor so, dass Frauen abergläubischer sind. Wobei man hier differenzieren muss, von welchen Glaubensinhalten wir sprechen. Denn: Männer glauben eher an Ufos als Frauen. Dagegen sind Frauen deutlich anfälliger für Astrologie.

«Führende Nationalsozialisten waren sehr abergläubisch.»

Hat Aberglaube mit sozialem Status oder Intelligenz zu tun?
Nein, ich kenne Universitätsprofessoren, die sehr abergläubisch sind, auch an Astrologie glauben. Aberglaube hat nichts mit Bildung und Intelligenz zu tun. Bei Studien wird das immer so negativ etikettierend behauptet, aber summa summarum kann das nicht belegt werden.

Vergleichen wir Länder: Wo ist mehr Aberglaube im Spiel?
Etwa in Südamerika oder auf Haiti, wo Voodoo praktiziert wird, ist der Aberglaube nach wie vor sehr präsent. Ebenso in Afrika, wo die Hexerei verbreitet ist. Aber um nicht nur in die Ferne zu schweifen: Nach der Wiedervereinigung Deutschlands fand man große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland vor. Ostdeutschland war viel weniger abergläubisch, weil der Kommunismus dies strikt bekämpft hatte. Zusammenfassend: Kulturell bedingt gibt es große Unterschiede zwischen Ländern, auch dahingehend, was als Aberglaube bezeichnet wird.

Ein Beispiel?
Vor zwanzig Jahren war es in Uganda sehr verbreitet zu glauben, dass Aids durch Hexerei übertragen wird beziehungsweise ausgetrieben werden kann. Die Medizinmänner führten verschiedene Rituale und Praktiken durch, zum Teil mit Ritzen und mit Blut. Damit trugen sie eher zur Verbreitung als zur Austreibung von Aids bei. Das sind extreme Auswüchse des Aberglaubens.

In einem Interview sagten sie mal, dass Himmler versucht hatte, U-Boote mit Pendeln zu orten.
Führende Nationalsozialisten waren sehr abergläubisch. Hitler weniger, aber Rudolf Hess oder Himmler, die waren es sehr. Allerdings wendeten im Dritten Reich nicht nur die Nazis solche esoterischen Praktiken an, sondern auch die Amerikaner, und später die Russen im Kalten Krieg. Auf paranormalem Weg Flugzeuge und U-Boote zu orten oder sonst irgendwie das Kriegsglück zu seinen Gunsten zu wenden, wird im Übrigen bis heute versucht. Die Armee der USA stellt für solche Projekte Geld zur Verfügung.

Wann tritt Aberglaube vermehrt auf?
Zu unsicheren Zeiten und wenn es um die Bewältigung von Situationen geht, die nicht vollständig kontrollierbar sind. Deswegen kommt Aberglaube so häufig im Sport vor. Denn da liegt es nicht nur an mir selbst, ob ich eine gute Leistung erbringe, sondern auch an den Umständen und etwa an den anderen Sportlern. Wo viel Stress herrscht, klammern sich Menschen an alles, was ihnen eine Illusion der Kontrolle verschafft.

Sind abergläubische Menschen nicht einfach neurotisch? Ich kannte eine Person, die beim Gehen immer auf Drei zählte, das sollte Glück bringen.
Ja, abergläubische Rituale können neurotische Komponenten aufzeigen. Neurotisch deshalb, weil durch das Verhalten das Wohlbefinden beeinträchtigt ist. Hält man es überhaupt nicht mehr aus, wenn man etwa den Glücksbringer zu Hause vergisst, dann nimmt es eine krankhafte Dimension an und ist möglicherweise behandlungswürdig.

Wo im Alltag findet sich Aberglaube, der als solcher nicht mehr wahrgenommen wird?
Für die Chinesen ist es völlig normal, dass es in einem Haus bestimmte Stockwerke nicht gibt. Wenn man mit dem Aufzug fährt, fehlen Nummerierungen, weil sie Unglück bringen. Was ich heute beobachte: Neuer Aberglaube entsteht. So ist Corona – aus meiner Sicht – überwunden, und doch sieht man gewisse Verhaltensweisen, die in den Alltag übergegangen sind. In meinen Vorlesungen sitzen vereinzelt Studierende, die immer noch die Maske anhaben oder das Händeschütteln vermeiden. Da schlägt der Aberglaube in die andere Richtung aus.

Wie meinen Sie das?
Dieses Verhalten kommt ursprünglich von einer wissenschaftlichen Evidenz. Corona ist aber mittlerweile keine Bedrohung mehr. Trotzdem gibt es Leute, die aus Angst nach wie vor die Hände nicht schütteln – was gesellschaftlich betrachtet negativ ist. Sich weiterhin so sklavisch daran festzuhalten, betrachte ich als unbegründet abergläubisch. Dieser starke Glaube an die Wissenschaft nimmt manchmal Züge an, wie man seinerzeit an religiöse Inhalte geglaubt hatte.

Nun ja … die Wissenschaft ist jedoch empirisch.
Da wird die Wissenschaft überschätzt. Vieles ist selbst innerhalb der Wissenschaft umstritten und gar nicht so eindeutig, wie es oft dargestellt wird. Dann gibt es außerdem diese Ebene, die die Wissenschaft gar nicht erreicht – die der persönlichen Erlebnisse: Wie es sich anfühlt, verliebt zu sein, das muss man selbst erfahren. Das kann die Wissenschaft nicht messen und auch nicht erklären. Der naturwissenschaftlich gebildete moderne Mensch sieht sich leider oft in szientistischer Art und Weise nur als Gehirn-Produkt, das hat auch gewisse abergläubische Züge.

Aberglaube: eine Neverending-Story.
So ist das, weil man nicht alles erklären kann, aber immer nach Erklärungen sucht. ♦

 


Andreas Hergovich lehrt und forscht an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Der Österreicher interessiert sich für paranormale Phänomene. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Anomalistische Psychologie und die Philosophie der Psychologie. Zu Astrologie und Aberglauben schrieb er viele Forschungsartikel sowie die Bücher «Die Psychologie der Astrologie» und «Der Glaube an Psi. Die Psychologie paranormaler Überzeugungen».

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