Mensch. Gesellschaft. Meer.

Frau Müller, she knows #8

Das Kabinett des Antifeminismus

Im Internet treiben die verschiedensten Arten von Antifeministen und Antifeministinnen ihr Unwesen: Tradewives, Pick-me-Girls, Männer-Coaches, Pick-up-Artists. Sagt Ihnen alles nix? Gut, dass es Frau Müller gibt. Vorhang auf – und anschnallen nicht vergessen.

Foto: Vika Glitter

In den 50er Jahren gab es eine Werbung von Dr. Oetker, die die Lage der Frauen damals sehr gut zusammenfasste. Zu der Frau, die man im Bild emsig arbeitend in der Küche sah, tönte eine Männerstimme aus dem Off: «Wir wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?» Während die Macher (ohne Frage Männer) überzeugt waren, eine Hammerwerbung rausgehauen zu haben, würde man Menschen mit solchen Ideen heutzutage mit der Peitsche vom Hof beziehungsweise aus dem Meeting jagen. Klar, nimmt ja auch kein Mensch mehr solche Ansichten ernst. Oder etwa doch?

Seit einigen Jahren tauchen sie vermehrt auf Social Media auf: sogenannte Tradewives. Eine Wortschöpfung aus den Begriffen «Tradition» und «Wife». Sie ahnen schon was kommt. Nach dem Motto «Früher war alles besser» – krieg schon bei dem Satz Gänsehaut – wird hier in 50er-Jahre-Manier ein traditionelles Rollenbild vermittelt. Ein Bild, in dem die Frau voll und ganz für ihre Familie und den Haushalt da ist, sprich: Lächelnd die ganze Care-Arbeit übernimmt und dabei stolz Selbstgebackenes in die Kamera hält, im Hintergrund die top aufgeräumte Küche.

Verstehen Sie mich nicht falsch, jede Person kann sich entscheiden, wie sie sich das (Familien-)Leben gestalten möchte, aber dieser Trend baut auf dem Ideal auf, dass der Mann als Alleinverdiener genug Geld nach Hause bringt. Finanzielle Abhängigkeit ist damit vorprogrammiert. Mit Blick auf die Altersarmut bei Frauen – die ein immer drängenderes Problem wird – ein gefährlicher Trend. Zudem kommt, dass viele dieser Tradewives sich mit rechten Bewegungen identifizieren oder diesen in die Hände spielen. Denn mit solchen Heile-Welt-Geschichten kann man jungen Frauen ruckzuck mal ein antifeministisches Weltbild schmackhaft machen: Kinder kriegen, was Schönes backen und den Mann verwöhnen. In einer Zeit, in der rechtes Gedankengut wieder salonfähig scheint und Antifeminismus auf dem Vormarsch ist, eine ganz uncoole Nummer.

Wunderbar ergänzt wird das Ganze von sogenannten Männer-Coaches und Pick-up-Artists (Verführungskünstlern). Herren jeglicher Art, die anderen Herren waaahnsinnig gute Tipps zum Thema Beziehungen geben («Du musst Frauen kontrollieren»). Solche Herren, die auch für die Frauen die eine oder andere sehr wertvolle Weisheit bereithalten («Zieh dich nicht freizügig an», «Widersprich keinem Mann», «Kein Sex mit eurem Mann zu haben, ist nicht okay»). Und ich rede jetzt nicht nur von Herrn Andrew Tate, dem TikTok-Guru, der mit Macho-Gehabe und Frauenhass junge Männer beeinflusst. Sondern ich rede auch von – auf den ersten Blick – unscheinbaren Gestalten, die in zu engen Hemden sexistische Stereotype propagieren. Denn dass so viele arme Männer Single sind und keinen Sex haben, liegt für diese Herren ganz klar daran, dass die Männer einfach zu verweichlicht sind und Frauen viel zu dominant.

Ziel, vor allem von Pick-up-Artists, ist es, mit so vielen Frauen wie möglich Sex zu haben und die eigene Männlichkeit zu optimieren («Alphas brauchen Freiraum»), dominant zu sein und über den Frauen zu stehen («Du musst ihre Ablehnung nicht akzeptieren»). Ihre Erkenntnisse stellen sie gern als wissenschaftlich basierte Fakten dar («Freundschaft zwischen Mann und Frau existiert nicht»). Frauen werden abgewertet und als Sexobjekte dargestellt. Das Shaming – das Herabsetzen – trifft vor allem Frauen mit einem hohen Bodycount, wörtlich übersetzt «Anzahl der Körper». Auf Tiktok und Co. wird damit die Anzahl der Personen angegeben, mit denen jemand  Geschlechtsverkehr hatte. Wenn nun eine Frau einen hohen Bodycount hat, werden die absurdeste Vergleiche gezogen wie: «Also so ne Frau ist halt wie ein Auto. Und kein Mann will ein Auto fahren, in dem schon viele dringesessen haben». Solche Ansichten sind hochproblematisch, denn es trichtert Männern frauenverachtendes Gedankengut und Misogynie ein.

Frauen, die widersprechen, werden als «häßliche Feministinnen» beleidigt und bedroht. Warum sich diese Coaches dabei oft im Auto sitzend filmen, kann ich mir nur so erklären, dass sie Angst haben, dass zu Hause Mutti das mitbekommen würde. Und das absurdeste an dem Ganzen ist, dass diese Knaben mehrheitlich Single sind. Warum bloß? Überboten werden sie nur noch von den Typen, die sich als «Menstruationsexperten» aufspielen («Du hast Regelschmerzen, weil du nicht in deiner weiblichen Energie bist».) Aha! Sagt einer, der noch nie seine Regel hatte. Das kann doch eigentlich nur Satire sein.

Solche Inhalte zu thematisieren und zu kritisieren, ist wichtig und wird von einigen Influencerinnen bei Instagram mit sehr viel beißendem Humor betrieben. Anders kann die Menschheit sowas auch nicht aushalten. Schön sind dabei auch die Kommentarspalten, in denen sich dann auch Menschen gegen die frauenfeindlichen Aussagen äußern: «Da haben die Gehirnzellen schon die Koffer gepackt.» «Warum ist bei diesen Alpha-Brüdern die Optik immer ‹Turnbeutel vergessen›?», «Wenn der Mittelaltermarkt wieder zu sehr gekickt hat».

Ein häufiger Tipp von selbsternannten Alphas an Frauen ist auch: «Sei anders als die anderen Frauen.» Aha, wie sind denn Frauen so? In ihrem Weltbild klassisch stereotyp also hysterisch, essgestört, anstrengend, weinerlich … Die Liste ist lang. Und nun kommen Pick-me-Girls und toxische Weiblichkeit ins Spiel. Das Prinzip ist einfach: Um bei Männern gut anzukommen, werden andere Frauen und Verhaltensweisen, die als typisch weiblich gelten, schlechtgemacht und eigene, nicht stereotype Verhaltensweisen als cooler angesehen. Andere Frauen schlecht machen, um selbst von Männern ausgewählt zu werden, also internalisierte Misogynie, entsteht meist durch veraltete Rollenbilder in der Gesellschaft. Problematisch deshalb, weil typisch weibliche Eigenschaften und Interessen von vielen Männern sowieso schon belächelt werden und die zusätzliche Abwertungen durch Frauen diese Vorurteile noch verstärken.

Traurig, denn eigentlich wären Support und Zusammenhalt doch so wichtig in diesen Backlash-Zeiten. Ohne all diese Antifeminist:innen wären wir schon wesentlich weiter. Also heißt es auch morgen früh wieder: Aufstehen für eine gerechtere Welt. In diesem Sinne. ♦

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