Mensch. Gesellschaft. Meer.

Serie «Aberglaube» Teil 2

Der Fluch der weißen Haut

Menschen mit Albinismus erleben in Ländern im südlichen Afrika starke Diskriminierung. Sie werden aus Aberglauben verfolgt und teilweise gar verstümmelt und getötet.

Die Haut von Menschen mit Albinismus ist weiß oder sehr hell, weil ihr Körper aufgrund eines Gendefekts den Farbstoff Melanin nicht oder unzureichend produziert. / Foto: Santiago Gomez

Emmanuel Phiris zerstückelte Leiche wurde am 24. März 2020 in einem Maisfeld einige Kilometer von seinem Haus in der Ostprovinz Sambias entfernt entdeckt. Die Augen, die Zunge und die Arme des 43-jährigen Mannes waren entfernt worden. Die Zeichen deuteten auf eine grausame, rituelle Tötung hin.

Der dreifache Familienvater und renommierte Schreiner hatte sein Haus an diesem Tag verlassen, um einen neuen Job anzutreten. Er sagte seiner Frau und seiner Mutter, dass er zwei Wochen lang weg sein würde. Erst als er nicht zurückkehrte, wurde seine Familie alarmiert und meldete ihn als vermisst. Seine Nichte wurde später auf die Polizeiwache gerufen, wo sie seine Leiche anhand seiner Kleidung identifizierte.

Die zweijährige Whitney Chilumpha verschwand in der Nacht des 3. April 2017 aus ihrem Haus im Dorf Chiziya in Malawi. Whitneys Mutter alarmierte die Nachbarn, die sich auf die Suche nach dem Kleinkind machten, aber Whitney war nirgends zu sehen. Die Mutter meldete ihre Tochter bei der Polizei als vermisst. Am 15. April wurden in einem nahe gelegenen Dorf Whitneys Schädel, Zähne und Kleidung gefunden.

Kein Melanin: Todesgefahr

Emmanuel Phiris und Whitney Chilumpha wurden aus demselben Grund ermordet und verstümmelt: Sie leben mit Albinismus. Der Körper von Menschen mit Albinismus bildet kein Melanin, ein Pigment, das etwa für die Färbung von Haut und Haaren verantwortlich ist, was zu heller Haut und hellen Haaren führt. Menschen mit Albinismus leiden oft unter extremer Lichtempfindlichkeit und einem erhöhten Risiko, an Hautkrebs zu erkranken. Für Betroffene kann Sonneneinstrahlung tödlich sein. Starker Sonnenschutz ist für sie überlebenswichtig.

In afrikanischen Ländern fallen Menschen mit Albinismus besonders auf. Mit ihrer hellen Haut, den fast weißen Haaren und den blassen Augen heben sie sich vom Rest der Bevölkerung ab. Ihre Erscheinung fasziniert, doch sie führt auch dazu, dass diese Menschen angefeindet und diskriminiert werden und Hass und Häme ausgesetzt sind. In gewissen Regionen leben Menschen mit Albinismus weiterhin in Angst, ermordet oder verstümmelt zu werden.

Der komplette Körper kann auf dem Schwarzmarkt bis zu 65’000 Schweizer Franken einbringen.

Der Grund: Zahlreiche Mythen und Irrglauben ranken sich um die Menschen, die so besonders aussehen. Sie seien Hexen oder verflucht, ihre Körperteile sollen Heilung, Reichtum und Glück bringen. Fischer und Fischerinnen glauben, dass sie einen besseren Fang haben werden, wenn sie ihre Netze mit den Haaren von Menschen mit Albinismus knüpfen. Laut den Mythen soll sich das Pulver der Knochen von Menschen mit Albinismus in Diamanten verwandeln, wenn man es vergräbt. Und Amulette mit Knochenstücken von Menschen mit Albinismus sollen ungekannten Reichtum bringen. Das alles ist Aberglaube – doch die Mythen haben für Menschen mit Albinismus reale Konsequenzen.

Der komplette Körper eines Menschen mit Albinismus bringt auf dem Schwarzmarkt einen Ertrag von bis zu 65’000 Schweizer Franken ein. Das führt dazu, dass Menschen mit Albinismus zur beliebten Ware werden – und zu einer Zielscheibe von kriminellen Gruppierungen. Seit 2010 wurden in 28 Ländern südlich der Sahara Hunderte Fälle von Gewalttaten an Menschen mit Albinismus gemeldet, heißt es in einem Bericht der Uno.

«Menschen mit Albinismus sind nicht anders als alle anderen. Sie haben das Recht, alle Menschenrechte zu genießen, einschließlich des Rechts, frei von Diskriminierung zu sein und vor Hassreden geschützt zu werden. Die Politik muss endlich handeln und verhindern, dass Menschen mit Albinismus weiterhin ausgegrenzt werden und Schaden erleiden», sagt Deprose Muchena, Experte für regionale Menschenrechtsfragen bei der Organisation Amnesty International.

Schuld für HIV und Corona

Die Jagd auf Menschen mit Albinismus ist zwar in den meisten afrikanischen Staaten mittlerweile verboten, doch besonders in Entwicklungsländern des südlichen Afrikas schweben Menschen mit Albinismus weiterhin in großer Gefahr. So gab etwa der malawische Präsident im März 2016 eine Erklärung ab, in der er die Angriffe auf Menschen mit Albinismus verurteilte und die Polizei aufforderte, die Täter und Täterinnen zu verhaften. Doch Menschen mit Albinismus und ihre Familien werden heute noch nur unzureichend vor Diskriminierung und tätlichen Angriffen geschützt. Zudem werden sie immer wieder zu Sündenböcken gemacht für Unheil und Krankheiten, wie etwa für Ausbrüche von HIV, Ebola oder zuletzt für die Corona-Pandemie.

«Die Behörden in Ländern wie Malawi, Sambia oder Tansania müssen dafür sorgen, dass Menschen mit Albinismus nicht länger in Angst vor organisierten kriminellen Banden leben, die sich an ihren Körperteilen vergreifen. Die Regierungen müssen den Justizapparat reformieren und Straftaten konsequent ahnden, damit Menschen mit Albinismus sicher sind», sagt Muchena.

Laut Amnesty International sollte eine Strategie zur Bekämpfung der Gewalt gegen Menschen mit Albinismus eine Priorität auf Bildungs- und Aufklärungsprogramme setzen, um den Mythen und Gerüchten, die zur Gewalt und Tötung von Menschen mit Albinismus führen, entgegenzuwirken. Eine solche Strategie sollte auch Maßnahmen zur Bekämpfung der kriminellen Gruppierungen und zur Unterbindung des grenzüberschreitenden Handels mit Knochen und weiteren Körperteilen von Menschen mit Albinismus beinhalten.

«Die Regierungen des südlichen Afrikas müssen die Verbrechen gegen Menschen mit Albinismus klar verurteilen und Maßnahmen zu ihrem Schutz treffen, um den Kreislauf der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen wirklich zu durchbrechen. Sie müssen für einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung und Sonnenschutzmitteln sorgen, den Lebensunterhalt von Menschen mit Albinismus sichern und sicherstellen, dass die Opfer und ihre Familien durch eine verbesserte Polizeiarbeit auf Gemeindeebene sowie durch Ermittlungen und Strafverfolgung von Verbrechen effektiven Zugang zur Justiz erhalten», sagt Muchena.

Erklärung zum Schutz verabschiedet

Menschenrechtsexperten der Uno und der Afrikanischen Union entwickelten 2019 einen Fünf-Jahres-Plan, dessen Ziel es ist, die Lebensqualität für Menschen mit Albinismus zu verbessern. Um über Menschen mit Albinismus weltweit zu informieren, haben die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Aufklärung über Albinismus ins Leben gerufen, der dabei helfen sollte, zu vermitteln, was Albinismus ist und was es für Betroffene bedeutet, damit zu leben.

Tatsächlich hat sich die Situation der Menschen mit Albinismus im südlichen Afrika seit Ende der Corona-Pandemie leicht verbessert. Die Zahl der dokumentierten Tötungen hat abgenommen. Am 17. August 2024 verabschiedeten die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC) eine Erklärung zum Schutz von Menschen mit Albinismus, welche die Mitgliedstaaten auffordert, ihre nationalen Gesetze anzugleichen, um sicherzustellen, dass sie die Rechte von Menschen mit Albinismus umfassend schützen.

Trotz dieser positiven Entwicklungen leben viele Menschen mit Albinismus weiterhin in Angst. «Es ist wichtig, dass die Menschen im südlichen Afrika sich mit Menschen mit Albinismus solidarisieren, indem sie jegliches Verhalten verurteilen und melden, das auf die Förderung von Hass hinausläuft und eine Aufstachelung zur Diskriminierung darstellt», sagt Deprose Muchena. Denn solange der Hass und die Diskriminierung andauern, wird es noch weitere Opfer wie Emmanuel oder Whitney geben. ♦


Natalie Wenger ist Verantwortliche für Afrika bei Amnesty International Schweiz

Dieser Text hat Ihnen gefallen?
Die Inhalte von Tentakel sind frei verfügbar. Vielen Dank, wenn Sie unsere Arbeit mit einem kleinen Beitrag unterstützen. Per Twint oder mit einem Klick auf den Button.

Jetzt Spenden