Fast 14 Millionen Wahlberechtigte gaben diesen Februar in Ecuador ihre Stimme ab. Auch in den abgelegenen indigenen Gemeinden im Amazonasgebiet, die nicht ans Straßennetz angeschlossen sind. Ein Augenschein vor Ort.
Es ist ein nebliger Tag, an dem die Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer ihre neue Regierung wählen. Zumindest in der Regenwaldgemeinde San Victoriano, im Herzen des Amazonas. 105 indigene Siona aus drei Gemeinden sind aufgerufen, hier ihre Stimme abzugeben. Ihre Heimat, die nur per Boot erreicht werden kann, ist nicht nur räumlich ziemlich weit entfernt von der Hauptstadt Quito, wo die Politik gemacht wird. Ob die Kandidierenden, die heute im Rennen sind, überhaupt eine Vorstellung davon haben, wie die Realität in den abgelegenen Gemeinden aussieht? Ihre Wahlkampfthemen drehen sich vor allem um Sicherheit, Bekämpfung der Kriminalität und des Drogenhandels, Energiekrise und Wirtschaft.
Nicht, dass diese Themen die Amazonasbewohner nicht interessieren würden. Denn was in den Großstädten des Landes passiert, hat durchaus Auswirkungen auf die hiesigen Gemeinden. Vor allem wenn sie, wie hier im Naturschutzgebiet Cuyabeno, hauptsächlich vom Tourismus leben. Als Ecuador Anfang 2024 weltweit Schlagzeilen machte, weil Staatspräsident Daniel Noboa Großeinsätze gegen Drogenbanden einleitete und das Land militarisierte, brach der Tourismus schlagartig zusammen. Im Regenwald bekam man zwar von den Schießereien, deren Bilder durch die Medien gingen, nichts mit, doch viele hatten Angst, durch das Land zu reisen, das wie ein Kriegsgebiet dargestellt wurde.
Tatsächlich ist die Strategie von Interims-Präsident Noboa, der seit November 2023 im Amt ist, aufgegangen: Viele Ecuadorianer loben ihn für seine Entschlossenheit, die Kriminalität im Land mit harter Hand zu bekämpfen. Konkret gefruchtet hat das Ganze jedoch nicht: Zwar sank die Zahl der Morde im Land von über 8000 im Jahr 2023 auf knapp 7000 im Jahr 2024 – doch im Januar 2025 erreichte sie mit 750 Morden einen neuen Höchststand. Renato Rivera von der Beobachtungsstelle für Organisierte Kriminalität in Ecuador betont, dass die Macht der Kartelle keineswegs gebrochen sei. Es habe eine Zersplitterung der verschiedenen Gruppen stattgefunden, die die Gewalt noch weiter anheize.
Noboa trug bei Wahlkampfveranstaltungen eine kugelsichere Weste.
Derweil lebt auch Noboa selbst nicht ungefährlich: Die Gruppen, die er als Terrororganisationen einstufte, stehen in ihrer Gewaltbereitschaft nicht hinter der der Regierung zurück. So trug Noboa bei seinen Wahlkampfveranstaltungen stets eine kugelsichere Weste – schließlich war im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahlen der Kandidat Fernando Villavicencio bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Hauptstadt Quito erschossen worden.
Doch zurück nach San Victoriano: Erst seit wenigen Jahren können die Mitglieder der indigenen Gemeinden von Cuyabeno vor Ort wählen – früher mussten sie dafür ins nächste Dorf mit Straßenanbindung fahren, mehr als zwei Bootsstunden entfernt. Das jetzige Wahllokal ist im Gemeindesaal eingerichtet worden, einer kleinen Holzhütte ohne Fensterscheiben, ausgestattet mit ein paar Tischen und Stühlen und bewacht von Sicherheitskräften. Nur Wahlberechtigte dürfen das Lokal betreten, das in zwei Teile geteilt ist: Auf der einen Seite wählen die Frauen, auf der anderen die Männer. Warum? «Weil das immer so ist.»
Inzwischen hat sich der Nebel verzogen und die Sonne bringt den feuchten Rasen des Fußballfeldes zum Dampfen, das sich – wie üblich – im Zentrum der kleinen Gemeinde befindet. Hühner und Hunde streunen herum und die Menschen, die schon gewählt haben, sitzen in kleinen Gruppen zusammen, scherzen und erzählen sich den neusten Tratsch. Über die Nachbarin, die zwanzig Kilo abgenommen hat, die Großmutter, die sich in Quito operieren lassen musste. Politik ist auch am Wahltag nicht das Hauptthema.
In unregelmäßigen Abständen hört man Motorengeräusche näherkommen, und kurz darauf legt wieder ein Boot am Gemeindesteg an: Ein paar weitere Wählerinnen und Wähler trudeln ein. Wer sich an diesem Tag auf dem Fluss begegnet, ruft sich zu: «Hast du schon gewählt?»
Das Wahllokal ist von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr abends geöffnet, wie überall im Land, nur dass sich in den Städten lange Schlangen bilden und die Stimmenzähler alle Hände voll zu tun haben, während sie sich hier fast zu Tode langweilen. Viele Wählerinnen und Wähler kommen gleich früh am Morgen und den Rest des Tages geht es sehr gemächlich zu. Trotzdem dürfen die Stimmenzähler ihre Posten nicht verlassen. Je vier sitzen an einem der aufgebauten Tische, händigen die Wahlunterlagen aus und achten darauf, dass alles korrekt abläuft.
Nach der Schließung des Wahllokals beginnt das mühsame Auszählen der Stimmen, das oft bis Mitternacht dauert. Danach der Heimweg per Boot, der zurzeit länger dauert als normal, weil der Wasserstand des Flusses so tief ist, dass man nur langsam vorwärts kommt. Ein langer Tag, an dem weder für die Stimmenzähler noch für die Beamtinnen und Beamten Verpflegung zur Verfügung gestellt wird. Dem einen oder anderen bringen Verwandte einen Teller Essen von zu Hause mit. Und irgendwann beginnt jemand, Wildtrauben und andere tropische Früchte von den Bäumen zu schütteln und zu verteilen.
Wer nicht wählt, zahlt
Vier Stimmzettel müssen an diesem Tag ausgefüllt werden: einen für das neue Staatsoberhaupt sowie für die Vizepräsidentin oder den Vizepräsident, einen für das Nationalparlament, einen für das Provinzparlament und einen für das andine Parlament. Jeder Wahlzettel zeigt die Konterfeie der Kandidatinnen und Kandidaten, und angekreuzt wird hinter einer Abdeckung mit den Lettern «Die Stimme ist geheim». Nachdem alles in die Wahlurne, eine Kartonschachtel auf dem Boden, eingeworfen wurde, müssen die Wählerinnen und Wähler mit einer Unterschrift oder einem Fingerabdruck bestätigen, dass sie an der Wahl teilgenommen haben, und erhalten ihre Bestätigung, einen Zettel in der Größe einer Kreditkarte. Der ist wichtig, denn wer nicht wählen geht, muss ein Bußgeld von 60 US-Dollar zahlen.
Abends um fünf werden bereits die ersten Hochrechnungen veröffentlicht: Noboa liegt vorn, doch der Abstand zu seiner Hauptgegnerin Luisa González wird immer kleiner. Die Hoffnung, dass er auf über 50 Prozent der Stimmen kommen und damit schon im ersten Wahlgang gewinnen könnte, sind schnell zerschlagen.
Die Stimmenzähler in San Victoriano werden noch ein paar Stunden lang beschäftigt sein, bis die hiesigen Resultate ausgezählt, von Hand fein säuberlich in die offiziellen Tabellen eingetragen, und in versiegelte Säcke verpackt sind. Die Militärs bringen sie dann in die Stadt, wo alles online registriert wird. Und angesichts des knappen Resultats zählt praktisch jede Stimme: Am Schluss beträgt der Unterschied zwischen Noboa und González, einer Vertrauten des ehemaligen Präsidenten Rafael Correa (2007-2017), gerade mal 0,2 Prozent. Wie die Stichwahl am 13. April ausfallen wird, ist schwer vorauszusagen. ♦
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