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Konzernverantwortung

Kontaminiert Ems-Chemie Trinkwasser?

Wer in der Bündner Gemeinde Domat/Ems Leitungswasser trinkt, erwartet nicht, dass es mit Rückständen von Lösungsmitteln und anderen krebserregenden Substanzen vergiftet sein könnte. Die Behörden befassen sich jedoch schon seit mehr als zwanzig Jahren mit der Frage, ob Chemikalien aus alten Deponien der Ems-Chemie im Wasser sind. Das Unternehmen bestreitet einen solchen Zusammenhang.

Foto: Tiia Monto / CC BY-SA 3.0

Transnationale Unternehmen mit Sitz in Europa verursachen in Ländern des Globalen Südens immer wieder erhebliche Umweltschäden, die die Biodiversität sowie die Gesundheit der lokalen Bevölkerung gefährden. Dabei wird unter anderem kritisiert, dass ökologische Altlasten ins Ausland – zum Beispiel nach Lateinamerika oder Afrika – verlagert werden, während die dort geförderten Rohstoffe zur Herstellung von Produkten dienen, die vor allem in den Industrieländern konsumiert werden.

Doch eine aktuelle Recherche des Bündner Umweltingenieurs Nicolas Zogg zeigt, dass es auch Schweizer Konzerne gibt, die direkt vor ihrer Haustür in der Schweiz die Kontaminierung des Grundwassers in Kauf nehmen. Die Rede ist von der Ems-Chemie Holding AG – früher Emser Werke – mit Sitz in der Bündner Gemeinde Domat/Ems, heute unter der Leitung von Magdalena Martullo-Blocher: SVP-Nationalrätin und Tochter des ehemaligen Ems-Chefs und Alt-Bundesrats Christoph Blocher. Das Unternehmen, das vor allem Kunststoffe und Chemikalien für die Industrie produziert, verzeichnete im Jahr 2025 einen Nettoumsatz von 1,95 Milliarden Franken und einen Nettogewinn von 467 Millionen Franken.

«Studien zu einer möglichen Umweltbelastung wurden im Auftrag der Ems-Chemie selbst durchgeführt.»

Dass sich auf dem Gelände der Ems-Chemie mehrere Areale befinden, die durch die bisherige industrielle Tätigkeit kontaminiert wurden, ist schon lange bekannt. Eins davon, die Deponie Rusna da Furns, wurde 2007 ins offizielle Kataster der belasteten Standorte (KbS) aufgenommen und inzwischen als überwachungsbedürftig eingestuft. In dieser Deponie – so groß wie ein Fußballfeld und 15 Meter tief – wurden ab den 50er Jahren Industrieabfälle deponiert. Laut WWF handelte es sich dabei erst um Gipsablagerungen, bis dann 1975 eine Bewilligung für die Ablagerung von Polyamid- und Polyesterabfällen erteilt wurde, die zehn Jahre später für «nicht näher spezifizierte wasserunlösliche Produktionsabfälle» erweitert wurde.

Quelle: Kataster der belasteten Standorte (KbS)

Details zu den abgelagerten Substanzen hat das Unternehmen nie bekannt gegeben. Und diverse Studien zu einer möglichen Umweltbelastung wurden im Auftrag der Ems-Chemie selbst durchgeführt, womit der Konzern der Eigentümer aller Resultate ist. Der Konzern gibt die Berichte nicht heraus, und die Version, die dank des Öffentlichkeitsprinzips beim Bündner Amt für Natur und Umwelt einsehbar ist, enthält zahlreiche geschwärzte Passagen, etwa zu Stoffmengen und Deponierungszeiträumen. Dazu gibt auch der KbS-Eintrag keine Auskunft.

Behörden sehen keinen Sanierungsbedarf

Bei der Stilllegung der Deponie Ende der 90er Jahre wurde das Areal zugeschüttet und teilweise überbaut, doch die Altlasten beziehungsweise Rückstände davon sind weiterhin vorhanden und können Substanzen freisetzen, die das Grundwasser beeinträchtigen. Dies ist besonders brisant, weil sich in nächster Nähe ein sogenannter Grundwasserleiter befindet, aus dem weiter flussabwärts Wasser zur Trinkwasserversorgung entnommen wird. Bereits im Jahr 1995 wurden dort Spuren von Lösungsmitteln wie Trichlorethylen nachgewiesen. Einige Jahre später auch Rückstände der Industriechemikalie Vinylchlorid. Beide gelten nicht nur als problematisch für die Umwelt, sondern auch als krebserregend. Trichlorethylen wurde sogar beim Grundwasser-Pumpwerk Bagliel gemessen, das nur gut zwei Kilometer von der Deponie entfernt liegt.

Das Unternehmen betont, dass kein Zusammenhang zwischen seiner Deponie und der Belastung des Grundwassers nachgewiesen werden kann. Außerdem würden die Messwerte die gesetzlichen Grenzen nicht überschreiten. Auf diesen Standpunkt stellt sich auch das Bündner Amt für Natur und Umwelt (ANU), das für die Umsetzung des geltenden Umweltrechts und somit für Gewässerschutz und die Überprüfung von Gutachten zu Altlasten zuständig ist: Ein Zusammenhang sei zwar möglich, doch «wegen der zu tiefen Konzentration nicht nachweisbar», gab das Amt 2024 bekannt.

«Jeder Stoff im Grundwasser ist einer zu viel.»

Der kantonale Umweltminister Jon Domenic Parolini sieht ebenfalls keinen Sanierungsbedarf für die Deponie. «Andere Quellen innerhalb oder außerhalb des Areals der Ems-Chemie AG können nicht ausgeschlossen werden», hieß es in der Antwort auf einen 2024 eingereichten Antrag von Anita Mazzetta, Großrätin der Grünen und Geschäftsleiterin des WWF Graubünden. Im Dokument wird aber auch eingeräumt, es könne «nicht ausgeschlossen werden, dass größere Mengen Trichlorethylen ins Grundwasser gelangen können».

Angesichts dessen erstaunt es, dass das Unternehmen keine Initiative ergreift, um die allfällige Umweltbelastung zu verhindern. Besonders, da es auf seiner Website Umweltschutz-Richtlinien aufführt, in denen unter anderem betont wird: dass wirtschaftliche Ziele keinen Vorrang gegenüber Sicherheit, Umwelt- und Gesundheitsschutz haben, dass die Auswirkungen der Unternehmenstätigkeiten auf den Planeten minimiert werden und dass in Umweltlösungen investiert wird, die auch die Artenvielfalt schützen.

Langzeitfolgen sind unbekannt

Rechtlich kann die Ems-Chemie aufgrund der vorliegenden Studien offenbar nicht zur Verantwortung gezogen und auch nicht zur Sanierung der Deponie gezwungen werden. Das ANU hat lediglich verfügt, dass die Deponie überwacht und weitere Messungen durchgeführt werden müssen. Gegen diesen Entscheid haben die Gemeinde Domat/Ems und der WWF Graubünden letztes Jahr eine Beschwerde eingereicht, und die Bündner Grünen eine Petition. In beiden Fällen wird gefordert, dass die Deponie umgehend saniert werden soll. Das Trinkwasser sei nachweislich mit Trichlorethylen belastet, und jeder Stoff im Grundwasser sei «einer zu viel», selbst wenn er unter dem gesetzlichen Grenzwert liege, betonte Erich Kohler, Gemeindepräsident von Domat/Ems, gegenüber dem Regionaljournal Graubünden.

Was vielen Sorgen bereitet, ist die Unsicherheit, welche Substanzen sich tatsächlich in der zugeschütteten Deponie befinden – und in welchen Mengen. Alteingesessene Emserinnen und Emser erzählten Anita Mazzetta von einem See auf dem früheren Deponiegelände, der in allen Farben geleuchtet habe, wie Mazzetta in einer Nachrichtensendung vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) berichtete. Wenn man auf eine Sanierung verzichtet, weil die Messwerte «zu tief» sind, könnten Jahre oder Jahrzehnte später Langzeitfolgen auftauchen.

Kritiker mit Drohgebärden eingeschüchtert

Die Art und Weise, wie das Unternehmen und die Behörden argumentieren, ist aus ähnlichen Fällen bekannt, zum Beispiel wenn es um Rohstoffkonzerne wie Glencore geht. Mit dem Unterschied, dass die Umwelt- und Gesundheitsrisiken dort ins Ausland ausgelagert werden.

Ähnlich ist auch die Schwierigkeit, aussagekräftige Stellungnahmen von den Unternehmen zu bekommen. Um eine solche hat vor kurzem Nicolas Zogg, Vorstandsmitglied der Bündner Grünen, die Ems-Chefin Martullo gebeten. Unter anderem zur Frage, warum sie eine Sanierung der Deponie nicht für notwendig halte und ob das Unternehmen über detaillierte Kenntnisse darüber verfüge, welche Substanzen dort gelagert werden. Als Antwort erhielt er nur eine zweizeilige E-Mail von einer Assistentin: «Wir verweisen auf die bereits dazu öffentlich erfolgten Äußerungen und Berichte der Ems-Chemie AG und des Kantons Graubünden.»

Die Frage ist: Auf welche Berichte bezieht sich das Unternehmen? Schließlich ist es bisher auf die doch recht schwerwiegenden Vorwürfe nicht wirklich eingegangen – außer mit der Behauptung, dass sie falsch seien. Außerdem mit Drohgebärden gegenüber den Initianten und Initiantinnen der Petition, denen wegen Rufschädigung mit rechtlichen Schritten gedroht wurde. Von der Tageszeitung Südostschweiz, die über das Thema berichtete, wurden Berichtigungen gefordert, die die Tageszeitung zunächst nur teilweise berücksichtigte – inzwischen ist der entsprechende Artikel jedoch online nicht mehr zu finden. ♦

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