Neurodiversität ist zwar in aller Munde, doch stark von Stereotypen geprägt. Anlässlich des heutigen Welttags für psychische Gesundheit erzählt die autistische Journalistin Nicole Maron von ihren Erfahrungen. Autismus ist zwar keine psychische Krankheit, doch psychische Probleme sind eine Folge davon, da Autisten oft anecken.
Als Kind tat ich alles, was in meiner Macht stand, um von niemandem berührt zu werden. Verwandten, die auf Wangenküssen bestanden, weil es halt so üblich war, versuchte ich zu entkommen, indem ich meinen Körper schmerzhaft in die andere Richtung krümmte oder die Wange mit Luft aufblies. Ein verzweifelter Versuch, wenigstens ein Minimum an Distanz zu schaffen. Unangenehm blieb das Ganze dennoch.
Damals wusste ich noch nicht, dass solche Erfahrungen mein ganzes Leben prägen würden. Ziemlich früh und ziemlich schmerzhaft musste ich lernen: Es ist gesellschaftlich inakzeptabel, andere Bedürfnisse zu haben als die «anderen» – noch inakzeptabler allerdings, wenn man sich erdreistet, diese Bedürfnisse auch zum Ausdruck zu bringen. Man stößt die «anderen» vor den Kopf, verletzt sie oder wird zum Gespött.
So war ich am liebsten allein, verkroch mich in meinem Zimmer und verschlang Bücher. Und fühlte mich dabei keinesfalls einsam, sondern pudelwohl. Ich sammelte und ordnete alle möglichen Dinge und ließ immer wieder dieselbe Hörkassette laufen. Kannte über hundert Dinosaurierarten auswendig und hatte Probleme mit dem Essen, weil ich nur wenige Geschmäcke ertrug und nichts herunterbrachte, was eine breiige Konsistenz hatte. Jeden Montag kam ich mit Kopfschmerzen von der Schule, weil mich die Reizüberflutung und das Übermaß an sozialer Interaktion nach dem freien Wochenende noch mehr überforderten und anstrengten als sonst. Ganz abgesehen davon, dass ich gemobbt wurde – weil ich halt «komisch» war.
Forschung in den Kinderschuhen
Tatsächlich wäre es schon immer unschwer zu erkennen gewesen, dass ich Autistin bin. Und zwar eine sehr typische: Die oben genannten «Symptome» beschreiben ziemlich exakt, wie Autismus im Alltag aussehen kann – zumindest nach heutigem Forschungsstand. Auch wenn dies nicht dem stereotypen Bild entspricht, dass in Filmen oder Massenmedien gezeichnet wird. Und in den 80er Jahren sah das alles nochmals ganz anders aus. Auch deshalb, weil lange der Irrglaube vorherrschte, nur Jungen könnten autistisch sein, und sich sämtliche Studien und Diagnostiktools auf die männliche Symptomatik bezogen. Dies ist bis heute die Tendenz, und die Forschung, die sich von den alten Stereotypen löst, steckt noch in den Kinderschuhen – unter anderem, was die weibliche Ausprägung betrifft, wobei immer zu bedenken ist: Es handelt sich um ein Spektrum, in dem große Diversität herrscht. Kennt man einen Autisten, kennt man genau einen Autisten, und dessen Verhalten kann sich sehr stark vom Verhalten anderer Autisten unterscheiden.
«Autismus äußert sich bei Frauen meist komplett anders als bei Männern.»
Zwar zeichnet sich in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an neuen Forschungsperspektiven ab, und es wird auch Fachliteratur zu weiblichem Autismus veröffentlicht – bezeichnenderweise vor allem von selbst neurodivergenten Frauen –, doch die jahrzehntelangen Fehlinformationen hatten gravierende Folgen: Da sich Autismus bei Frauen meist komplett anders äußert als bei Männern, laufen schätzungsweise achtzig Prozent der autistischen Frauen bis heute undiagnostiziert herum – und kämpfen mit teils schwerwiegenden psychischen Problemen, ganz abgesehen von Fehldiagnosen wie Angststörungen, Depressionen, Schizophrenie oder Zwangsstörungen. Inklusive entsprechender medikamentöser Behandlung, die naturgemäß nicht fruchtet, weil etwas therapiert wird, das gar nicht vorhanden ist. Es stimmt zwar, dass viele Autistinnen und Autisten an psychischen Problemen leiden, doch diese gründen in erster Linie in den teilweise traumatischen Erfahrungen, die sie in einer neurotypischen Gesellschaft machen, in der sie überall anecken.
Vierzig Mal mehr Synapsen
Dass es mehr undiagnostizierte Frauen als Männer gibt, hängt auch damit zusammen, dass Mädchen und Frauen sehr gut darin sind, ihren Autismus zu verbergen – so erhielt auch ich erst letztes Jahr meine Diagnose. Das sogenannte «Masking» ist ein – sehr effektiver, aber auch sehr anstrengender – Schutzmechanismus, der einen davor bewahrt, jeden Tag zu hören, dass man schräg ist, peinlich, uncool, ungehorsam, frech, unhöflich, schwierig. Man lernt, dass man am besten durch den Alltag kommt, wenn man sich selbst möglichst gut verleugnet und seine Bedürfnisse unterdrückt. Dass das auf lange Dauer nicht gesund ist, leuchtet wohl jedem ein.
Die Fachliteratur bezeichnet Autismus als «tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörung», was ich – genauso wie viele andere Betroffene – für eine herabsetzende Bezeichnung halte, die außerdem einen falschen Eindruck vermittelt: Es wird immer nur erklärt, inwiefern Autistinnen und Autisten «beeinträchtigt» sind, als ob sich Autismus als eine Reihe von Einschränkungen oder Defiziten beschreiben ließe. Doch eigentlich ist es umgekehrt: Autistinnen und Autisten charakterisieren sich nicht durch ein Zuwenig, sondern durch ein Zuviel.
Dies fand der Hirnforscher Henry Markram heraus, der durch den Autismus seines Sohnes dazu motiviert wurde, die sogenannte Entwicklungsstörung aus einer neuen Perspektive zu betrachten – und zu bahnbrechenden Erkenntnissen kam. Das menschliche Gehirn besteht aus 100 Milliarden Neuronen, die in einem komplexen Nervensystem verbunden sind. Jedes Neuron verfügt über zehn- bis zwanzigtausend Synapsen, die es mit den anderen Neuronen verbinden. Auf diese Weise werden Informationen weitergeleitet beziehungsweise verarbeitet. Doch das Gehirn eines Autisten verfügt über rund vierzig Mal mehr Synapsen als ein «normales» Gehirn. Das heißt: Autistinnen und Autisten verarbeiten vierzig Mal mehr Informationen als andere Menschen. Dass dies zu einer ständigen Reizüberflutung führt, leuchtet ein – und damit hängt es zusammen, dass die meisten Autisten sehr empfindlich auf Licht, Lärm, Gerüche, Berührungen und andere Sinneseindrücke reagieren. Um es in den Worten des Journalisten Lorenz Wagner zu sagen, der in «Der Junge, der zu viel fühlte» – ein Buch über Markram und seine Familie – schrieb: «Normales Licht empfindet ein Autist wie wir, wenn wir aus einer Höhle in die Wüstensonne treten. Für ihn ist die Welt so schmerzhaft, dass er Augenkontakt vermeidet und sich zurückzieht.»
«Autisten wird nachgesagt, keine Empathie empfinden zu können, doch das Gegenteil ist der Fall.»
Ein Dauerstress, eine permanente Überforderung, auf die Autistinnen und Autisten verschieden reagieren: Zum Beispiel mit dem kompletten Rückzug in sich selbst, der phasenweise so heftig sein kann, dass Sprechen unmöglich ist. Oder mit Aggression – gegen sich selbst oder gegen andere. Mit Stresssymptomen, Burnouts, Zusammenbrüchen. Und das Zuviel gilt nicht nur für Sinnesreize, sondern auch für Emotionen. Auch dies fand Markram heraus. Autistinnen und Autisten wird zwar nachgesagt, keine Empathie empfinden zu können, doch eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Sie werden von ihren Gefühlen dermaßen überwältigt, dass sie sich entweder vollkommen obsessiv verhalten oder sich in eine innere emotionale Blockade retten, in der alles ausgeblendet wird.
Selbst Staubkorn treibt in Wahnsinn
Dass Autistinnen und Autisten wie in diesem Beispiel entweder in ein Extrem oder ins andere fallen, ist übrigens typisch und zeigt sich in vielen Lebensbereichen. Entweder ist man übermäßig begeistert von etwas und beschäftigt sich 24 Stunden pro Tag damit, oder man kann unmöglich auch nur einen Funken Interesse dafür aufbringen. Entweder schmeckt einem ein Essen so sehr, dass man es jeden Tag braucht, oder es schüttelt einen vor Ekel. Man ist man vollkommen unempfindlich für physischen Schmerz und wundert sich, warum man ständig von blauen Flecken übersät ist, auf der anderen Seite ist eine simple Berührung der Haut so unerträglich, dass man fast einen Nervenzusammenbruch bekommt. In bestimmten Situationen muss man die Musik voll aufdrehen, um sich entspannen zu können, in anderen treibt einen der Lärm eines zu Boden fallenden Staubkorns zum Wahnsinn. Wenn der Autismus noch mit ADHS kombiniert ist wie bei mir – und vielen anderen – sind diese inneren Widersprüche noch krasser: Gleichzeitig sind absolut strikte Ordnung, Rituale und Abläufe psychisch überlebenswichtig, anderseits erträgt man keine Routine länger als zwei Tage.
So ist unser Leben in einer neurotypischen Gesellschaft alles andere als einfach. Und doch: Wenn man mich fragt, ob ich meine Neurodiversität wegzaubern würde, wenn ich könnte, kann ich ohne Zögern antworten: Niemals! Sie macht mein ganzes Sein aus, und das ist gut so. ♦
Was ist Neurodiversität?
Als Neurodiversität wird die natürliche Vielfalt des menschlichen Gehirns bezeichnet. Als neurodivers oder neurodivergent werden zum Beispiel Menschen mit Autismus, ADHS, Dyslexie, Hochbegabung, Tourette-Syndrom oder bipolarer Störung bezeichnet. Auch das Asperger-Syndrom zählt dazu, das heute jedoch in der Regel nicht mehr als eigene Diagnostik gilt, sondern als Teil des Autismus-Spektrums. Der Neurodiversitäts-Begriff stellt klar, dass diese unterschiedlichen Funktionsweisen eines Hirns relevante Auswirkungen auf Wahrnehmung und Reizverarbeitung, aber auch auf die Art des Denkens und Fühlens der Menschen haben. Dies erklärt, warum sich neurodivergente Menschen oft anders verhalten als neurotypische Menschen – und dass dies weder mit einer intellektuellen Beeinträchtigung zusammenhängt noch psychische Ursachen hat, sondern – wie der Name sagt – eine neurologische. Dennoch wird Autismus heute nur über die Symptomatik diagnostiziert, also mit Verhaltensanalysen. Man geht davon aus, dass Hirnscans in Zukunft die Diagnostik unterstützen können.
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