Unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Drogenhandels hat Donald Trump die Souveränität von Venezuela und damit Völkerrecht verletzt. Besorgniserregend ist dies auch deshalb, weil der US-Präsident ebenso anderen Ländern der Region droht und offenbar seinen Einfluss in Lateinamerika intensiveren will.
Bild: Filip Andrejevic Spätestens nach dem Militärschlag in Venezuela und nach Donald Trumps unverhohlenen Drohungen gegenüber dem kolumbianischen Präsidenten wie «Er sollte besser zur Vernunft kommen, sonst ist er der Nächste» stehen Fragen im Raum: Welche Rolle gedenken die USA in Lateinamerika einzunehmen und wie reagieren Regierungen und Bevölkerung der betroffenen Länder darauf.
Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro hat Trumps Aussagen scharf zurückgewiesen und betont, dass er im Fall einer US-Intervention «im äußersten Notfall sogar zu den Waffen greifen» würde. Vorerst ruft er jedoch nachdrücklich zu Dialog und Diplomatie auf, und ein kürzliches Treffen zwischen den beiden Staatsoberhäuptern lief erstaunlich versöhnlich. Petro soll Trump um Hilfe bei der Festnahme von Drogenbossen gebeten haben, die im Ausland leben. Dies, nachdem er sich in der Vergangenheit kritisch gezeigt hatte, was die US-Strategie zur Drogenbekämpfung betrifft: Angriffe auf Boote und aggressive Militärmaßnahmen im karibischen Raum halte er für keine wirksame Bekämpfung des Drogenhandels.
Doch Trump sieht solche Maßnahmen als effektiv, dies denn auch seine Rechtfertigung für den Angriff auf Venezuela und die Festnahme des venezolanischen Präsident Nicolas Maduro. Genauso wie für die deutliche Verstärkung der militärische Präsenz im südkaribischen Meer in den Monaten davor, die zum Angriff auf mehrere Schiffe führte, bei denen es zu Todesfällen kam.
Venezolaner im In- und Ausland reagierten mit gemischten Gefühlen auf die Festnahme Maduros.
Die Festnahme von Maduro wurde in Venezuela von vielen gefeiert. Auf der anderen Seite sorgte sie für Kritik, weil sie im Widerspruch zum Völkerrecht und anderen internationalen Abkommen steht, und weil Trump ohne Mandat der UNO oder des US-Kongresses gehandelt hatte. So verabschiedete der Senat der Vereinigten Staaten kurz danach eine Resolution, die verunmöglichen soll, dass der Präsident ohne Zustimmung des Kongresses weitere Militäraktionen gegen Venezuela durchführt. Im November war eine ähnliche Resolution knapp gescheitert.
Venezolaner im In- und Ausland reagierten also mit gemischten Gefühlen auf die Festnahme Maduros. Einerseits ist hier die Hoffnung, nach Jahrzehnten endlich ein freieres Leben führen zu können. Andererseits ist da die Machtstellung, die sich die USA im Land aneignen will. Diese bereitet vielen großes Unbehagen, gepaart mit der Unsicherheit, wie der nun nötige Übergangsprozess aussehen soll. Trump verkündete währenddessen, dass er vorerst das Land führen beziehungsweise regieren will.
Aggressives Eigeninteresse unter dem Motto «America first»
Ganz abgesehen von den Ereignissen in Venezuela spielen die USA seit Jahrzehnten eine zentrale – und kontrovers diskutierte – Rolle in Lateinamerika. Neben der langjährigen Zusammenarbeit im Bereich der Drogenbekämpfung gehören Migration und Grenzsicherung zu den Prioritäten der Vereinigten Staaten. Die diesbezügliche Politik wird von vielen als hegemoniale Einflussnahme oder etwas schärfer formuliert als «aggressives Eigeninteresse» kritisiert – ganz unter Trumps Motto «America first». Die Bekämpfung des Drogenhandels und der sogenannten illegalen Migration, die die nationale Sicherheit gefährden sollen, gilt dabei eher als Vorwand.
Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang auch die umfassende militärische Präsenz der USA in diversen lateinamerikanischen Ländern, man trifft auf Ausbildungsmaßnahmen, es gibt Waffenverkäufe und es werden Militärstützpunkte eingerichtet. Insgesamt verfügen die USA seit 2018 über 76 offizielle Stützpunkte in der Region, dazu kommen zahlreiche «unbestätigte operative Stützpunkte».
2023 genehmigte der peruanische Kongress die Präsenz bewaffneter US-Militärangehöriger zu Ausbildungszwecken.
Peru dient als Beispiel für einer eher USA-freundliche Politik, im Gegensatz zu Ecuador, wo die Bevölkerung im November 2025 eine Verfassungsreformen ablehnte, die die Einrichtung von US-Militärstützpunkten ermöglicht hätten. Auch in Peru gibt es laut offiziellen Angaben keine permanenten US-Stützpunkte, doch die militärische und anderweitige Einflussnahme ist dennoch nicht zu unterschätzen. 2023 genehmigte der peruanische Kongress die Präsenz bewaffneter US-Militärangehöriger zu Ausbildungszwecken. Ende 2024 wurde die Genehmigung für den Einsatz von Militärangehörigen des US-Verteidigungsministeriums sowie deren Waffen fürs Jahr 2025 erneuert, um «Kooperations- und Ausbildungsmaßnahmen mit den Streitkräften und der Nationalpolizei Perus» durchzuführen. Die US-Militärs sollten nicht nur die Peruanische Nationalpolizei ausbilden, sondern auch Handfeuerwaffen liefern.
Politische Destabilisierung der Region
Insgesamt ist der Einfluss der USA in Peru und anderen lateinamerikanischen Ländern nicht zu unterschätzen – wobei sich immer wieder die Frage nach den Beweggründen stellt. Rechtfertigt werden Angriffe wie im Fall von Venezuela mit dem Krieg gegen die Drogen, der vor allem auch die Bevölkerung in den USA selbst schützen soll, wo sich Todesfälle in Folge von Drogenmissbrauch häufen. Ganz abgesehen von der Frage, welches Problem dieser Tatsache zu Grunde liegt und ob dieses tatsächlich mit der militärischen Einflussnahme in Lateinamerika bekämpft werden kann: Die Substanz Fentanyl, die hauptsächlich für die tödlichen Überdosen verantwortlich ist und deren Produktion und Handel Trump gern als Rechtfertigung für seinen Drogenkrieg zitiert, wird laut diversen Berichten gar nicht in den betroffenen Ländern produziert. So heißt es im International Narcotics Control Strategy Report des US-Außenministeriums vom März 2025: «Das Außenministerium hat den Nordwesten von Mexiko als die einzige bedeutende Quelle für illegales Fentanyl identifiziert, die im vergangenen Kalenderjahr erhebliche Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten hatten – 3000 Meilen von Venezuela entfernt.» Die New York Times kam im September 2025 zum Schluss, dass es «keinen Beweis dafür gibt, dass Fentanyl in Venezuela oder anderswo in Südamerika hergestellt oder gehandelt wird.»
Solche Eingriffe haben katastrophale Folgen für die gesellschaftspolitische Entwicklung der betroffenen Länder.
Das US Southern Command – ein Regionalkommando, das für Lateinamerika und die Karibik zuständig ist – hat außerdem 2022 festgestellt, dass 80 Prozent der für die Vereinigten Staaten bestimmten Drogen über den östlichen Pazifik ins Land gelangen und maximal 20 Prozent über die Karibik. Der Verdacht, dass der Krieg gegen den Drogenhandel nicht mehr als eine Ausrede für machtpolitische Interessen der USA ist, ist also nicht weit hergeholt, genauso wenig wie die Befürchtung, dass die Einmischung der Vereinigten Staaten in Lateinamerika nicht für Stabilisierung sorgt, sondern eher fürs Gegenteil.
«Die Negierung des Völkerrechts, die Normalisierung der Drohung mit militärischer Gewalt und deren tatsächlichen Anwendung sowie der Einsatz wirtschaftlicher Sanktionen und politischer Interventionen zur Durchsetzung geopolitischer Ziele gefährden demokratische Prozesse, verschärfen gesellschaftliche Konflikte und können die politische Stabilität ganzer Regionen unterminieren», schreibt etwa das Lateinamerikaforum Berlin, und äußert die Befürchtung, dass entsprechende Äußerungen der US-Administration zeigen, dass eine direkte Einflussnahme der USA auf die 2026 anstehenden Wahlen in Kolumbien, Peru und Brasilien zu befürchten ist. «Die Geschichte zeigt, dass solche externen Eingriffe katastrophale Folgen für die gesellschaftspolitische Entwicklung der betroffenen Länder haben.» ♦
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