Mensch. Gesellschaft. Meer.

Funkspruch von Planet Erde #11

Von Außerirdischen und alternativen Realitäten

In seinem – vorläufig – letzten Funkspruch verrät Gonso ein paar delikate Geheimnisse seiner Mission. Wobei man nicht sicher sein kann, ob seine Enthüllungen nicht frei erfunden sind.

16. April 2025. Es mag absurd klingen, aber ich habe eben erst erfahren, dass es unter den Erdbevölkernden eine Debatte darüber gibt, ob «Außerirdische» existieren oder nicht. Dabei gelten diejenigen, die an uns «glauben», eher als Sonderlinge, die «wilde Theorien» verbreiten. Will heißen: Die Menschen, die sich selbst als intelligente Spezies betrachten, halten es für möglich, ja sogar für wahrscheinlich, dass der blaue Ball der einzige belebte Ort im ganzen Universum ist. Das ist so absurd, dass ich es weder weiter kommentieren noch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen möchte, die diese Annahme sofort in die Sphäre der lächerlichsten Irrtümer der Menschheit verbannen würde.

Auf der anderen Seite ist ein Teil der Geschichten über die «Außerirdischen» tatsächlich wild. Zum Beispiel, dass es sich dabei um reptilartige Wesen handelt, die Menschen zum Verwechseln ähnlichsehen und danach streben, die «Macht» auf der Erde zu übernehmen. Oder dass man sich gegen mentale Manipulation durch Aliens mit dem Tragen eines Hutes aus Aluminium schützen kann, einem Material, das normalerweise fürs Einwickeln von Nahrungsmitteln verwendet wird.

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An dieser Stelle möchte ich auf eine Frage eingehen, die mir von den Empfängern meines Funkspruchs immer wieder gestellt wird: Wie gehe ich eigentlich vor, um unerkannt zwischen den Erdenwesen zu leben und sie aus nächster Nähe studieren zu können, ohne dass sie dies bemerken oder Verdacht schöpfen? Bisher konnte ich dies nicht preisgeben, doch da das Ende meines Forschungsauftrages unmittelbar bevorsteht und ich den blauen Ball in Kürze verlassen werde, möchte ich gern eine mögliche Antwort liefern. Ich sage, eine «mögliche» Antwort, weil alle Informationen zu meiner Identität sowie darüber, ob ich überhaupt existiere, vertraulich und nur den Mitarbeitenden meines Forschungszentrums bekannt sind. Bei der folgenden Geschichte kann es sich also um aktuelle genauso wie um eine alternative Realität handeln.

(Randnotiz: Die Menschen bezeichnen alternative Realitäten als Erfindungen, Lügen, Fantasien, Spinnereien oder Halluzinationen, weil sie nicht begreifen, dass es nicht nur eine «Wahrheit» gibt, sondern eine große Vielzahl von Welten, Zeiten, Räumen und Dimensionen, die alle parallel existieren oder existieren könnten, was aufs Gleiche herauskommt.)

Zurück zur Geheimhaltung meiner Identität: In nächster Zeit wird eine Person, die von den Erdbewohnern als wichtig und einflussreich betrachtet wird, unter mysteriösen Umständen verschwinden. Offiziell wird ihr Tod bekannt gegeben werden, doch viele werden daran zweifeln, ob er/sie/es untergetaucht ist, unter einem anderen Namen und mit einem neuen Gesicht weiterlebt oder den Aggregatszustand geändert hat. Da dieses Ereignis genau mit dem Tag meiner Abreise übereinstimmen wird und folglich auch seltsame Lichterscheinungen am Himmel zu sehen sein werden, erraten die flinkhirnigeren meiner Leserinnen und Leser bestimmt bereits, was dies bedeutet: Diese Person war oder bin ich, sie hat sich in mich verwandelt oder ich mich in sie. Wie das genau funktioniert, ist für diejenigen, die Bescheid wissen, offensichtlich, und alle anderen könnten es auch trotz einer ausführlichen Erklärung nicht verstehen, weshalb ich auf eine solche verzichte.

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Damit verabschiede ich mich von meinem Publikum, das wahrscheinlich erwartet hat, in meinem letzten Funkspruch eine Art Fazit zu lesen. Doch die Ergebnisse meiner Forschung können ausschließlich meinem Auftraggeber bekanntgegeben werden, der darüber entscheidet, wie lange sie unter Verschluss gehalten werden. Wobei die Identität dieses Auftraggebers noch vertraulicher ist als meine eigene, vor allem seine planetare Herkunft. In einer der möglichen Realitäten würde er vom blauen Ball selbst stammen und nur vorgeben, ein Außerirdischer zu sein. Oder umgekehrt …

Zu guter Letzt bleibt mir nicht mehr zu sagen, als dass es wahrscheinlich unwahrscheinlich oder aber unwahrscheinlich wahrscheinlich ist, dass ich eines Tages hierher zurückkomme.


Aufgezeichnet von Nicole Maron

 

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