Wenn in Südspanien eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht wird, klingelt das Telefon bei Remedios Cueto. Sie leitet das staatliche Fraueninstitut in Málaga. Spanien geht seit über 20 Jahren aktiv und konzeptuell gegen Gewalt an Mädchen und Frauen vor.
Direktorin Remedios Cueto in ihrem Büro im Fraueninstitut in Málaga. / Text: Camilla Landbø In Málaga ist es am Vormittag wie immer geschäftig. Denn in der südspanischen Küstenstadt gibt es viele Cafés, Büros, Läden und Touristen. Hier im belebten Stadtzentrum befindet sich auch das Instituto Andaluz de la Mujer – das Andalusische Institut für Frauen. Und hier stand schon manche Frau mit Koffern vor der Tür und bat verzweifelt um Hilfe.
Im dritten Stockwerk sitzt vor einer Fensterfront die Direktorin des Instituts, Remedios Cueto. Seit vier Jahren koordiniert sie von hier aus die 21 Frauenzentren der Provinz Málaga, die Prävention, Beratung und Unterstützung für Frauen anbieten. «Wenn eine Frau von ihrem Partner umgebracht wird, erfahre ich das sofort», sagt die 50-Jährige. «Ich schlafe immer mit dem Telefon.»
2026 ereilte sie eine Todesnachricht erstmals am 24. Januar. Eine 33-jährige Frau mit drei Kindern wurde in der Stadt Alhaurín el Grande, rund 30 Kilometer westlich von Málaga, von ihrem Ex-Partner erstochen. «Wir haben die Kinder sofort vom Tatort weggeholt, und sowohl die Kinder als auch Familienangehörige psychologisch begleitet.» Später auch das weitere Umfeld wie die Arbeitskollegen der ermordeten Frau und die Schulkollegen der überlebenden Kinder.
Spanien ist mittlerweile das Vorzeigeland, wenn es um die Rechte der Frau und die Bekämpfung von geschlechterspezifischer Gewalt geht. Begonnen hat es vor mehr als zwanzig Jahren, als das Land – als erstes in Europa – mit einem umfassenden Gesetz beschloss, gegen häusliche Gewalt vorzugehen. Das war 2004. Das spanische Parlament sagte einstimmig Ja zu sozialen, erzieherischen, präventiven und rechtlichen Maßnahmen zum Schutz der Frau.
So existieren seither etwa eigene Gerichtsabteilungen für Fälle von Gewalt gegen Frauen, ebenso erhöhte Strafen für Täter, und Femizid ist als eigenständige Straftat definiert. Erst zehn Jahre später leitete die EU mit der sogenannten Istanbul-Konvention ähnliche Schritte ein. In der Schweiz trat diese Konvention 2018 in Kraft, der bundesrätliche Aktionsplan zur Umsetzung stammt von 2022.
Wie gefährlich ist der Ex-Partner?
Als Auslöser und Wegbereiter für das Gesetz 2004 wird meist der Mord an Ana Orantes erwähnt, der die spanische Bevölkerung komplett erschütterte: Die 60-Jährige aus Südspanien erzählte mutig Ende 1990er Jahre in einer beliebten Fernsehsendung von ihrer 40-jährigen Leidensgeschichte als Misshandelte. Kaum zwei Wochen später, in ihrem eigenen Garten, schüttete der Ex-Gatte Benzin über sie und zündete sie an. Sie starb. Die Menschen gingen landesweit auf die Straße – und forderten Maßnahmen.
In Cuetos Büro hängen Plakate von verschiedenen Kampagnen, die das staatliche Institut für Frauen ins Leben gerufen hat, Sensibilisierungskampagnen und solche, die auf Angebote wie das Notfalltelefon bei häuslicher Gewalt aufmerksam machen. Denn nicht alle betroffenen Mädchen und Frauen wissen vom Institut. «Wenn eine Frau bei der Polizei eine Anzeige einreicht, werden wir in der Regel informiert, erhalten ihre Telefonnummer», erklärt die Spanierin. Sie würden dann Kontakt mit der Frau aufnehmen, proaktiv. «Dabei müssen wir sehr vorsichtig sein, um die Frau nicht in noch größere Gefahr zu bringen», so die Direktorin: «Wenn ein Mann antwortet, legen wir sofort auf.»
Entscheidet sich eine Frau, sich von ihrem gewalttätigen Partner oder Ehemann zu trennen und in ein Schutzprogramm zu gehen, leitet das Institut alles ein. Das Opfer wird erst in einem Notfallfallzentrum für Frauen aufgenommen, danach zieht die Frau in eine Wohnung um, in eine andere spanische Provinz – genug weit weg. «Nur wir wissen, wo die Frau ist.» Den Frauen werde ganzheitlich geholfen, auch finanziell. Weiter ermögliche man ihnen, falls notwendig, eine Ausbildung. «Unser Ziel ist es, dass die Frau wieder ihr Leben zurückbekommt.»
Das Gesetz aus dem Jahr 2004 brachte viel in Bewegung. 2007 wurde in Spanien das System VioGén eingeführt. Es ist eine Datenbank, in der Täter, Opfer und Anzeigen landesweit erfasst werden. Die Daten liefern Polizeibehörden, Staatsanwaltschaft, Gefängnisse oder Sozialdienste. Daraus werden Risikoanalysen abgeleitet, etwa wie gefährlich der angezeigte Mann ist, oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Täter abermals übergriffig wird. 2007 segnete Spanien zudem das Gleichstellungsgesetz ab, das Quoten für eine ausgeglichene Geschlechtervertretung auf Wahllisten und in politischen Gremien einführte – 2023 wurde das Gesetz auf Wirtschaftsgremien ausgeweitet.
Seit 2009 wird die elektronische Fußfessel eingesetzt, eine dynamische Überwachung. Diese präventive Massnahme wird wegen ihres Ursprungs auch die «spanische Fußfessel» genannt. Dynamisch bedeutet, dass der gewaltbereite Mann eine Fußfessel und die bedrohte Frau ein Ortungsgerät erhält. Kommen sich Opfer und Täter zu nahe, geht in der Überwachungszentrale und beim Opfer ein Alarm los. Entfernt sich der Täter nicht, rückt die Polizei aus. Die Fessel wurde bereits bei über 22.000 Hochrisikofällen eingesetzt. Cueto: «Bis heute ist keine Frau getötet worden, die durch diese Fessel geschützt wurde.» Der Kanton Zürich testete die dynamische Überwachung, sie soll ab 2027 schweizweit eingeführt werden.
Nur Ja heißt Ja
Ab 2022 wurden zahlreiche weitere Gesetze für den Schutz und die Gleichstellung der Frau abgesegnet. Kein Wunder, denn seit 2018 ist Pedro Sánchez spanischer Premierminister. Der Sozialdemokrat sagt über sich selbst: «Ich bin Feminist.» Dank seinem progressiven Kurs bekommen heute Frauen freie Arbeitstage bei starken Menstruationsbeschwerden, Rechtsanspruch auf Abtreibung in allen öffentlichen Gesundheitszentren und freie Geschlechtswahl ab 16 Jahren. Weiter wurde das Gesetz «Nur Ja heißt Ja» eingeführt: Jede körperliche Beziehung ohne klare Zustimmung beider Partner kann seither als Vergewaltigung geahndet werden. Schweigen oder mangelnde Gegenwehr dürfen vor Gericht nicht mehr als Einverständnis ausgelegt werden. In der Schweiz gilt seit 2024 das Gesetz «Nein heißt Nein». Auch wenn die Frau nicht Nein gesagt hat, weil sie beispielsweise in einen sogenannten Freezing-Zustand gefallen ist – unter Schock. Das bedeutet bezüglich gerichtlichen Vorgehens: Zwar ist nun eine sexuelle ungewollte Handlung auch ohne Gewaltanwendung strafbar, aber die Frau muss ihre ablehnende Haltung gegenüber dieser sexuellen Handlung bezeugen. Es ist also wieder das Opfer – die Frau – die überzeugend sein muss.
Viele gute Gesetze – doch wie erfolgreich sind sie? Carmen Mir aus Málaga stört sich daran, dass Spanien als Vorreiter-Rolle in deutschsprachigen Medien gelobt wird. Die ausgebildete Psychologin arbeitet als Hausaufgabenhilfe in verschiedenen Hilfseinrichtungen in der Stadt Málaga. Sie trifft viele Kinder und deren Mütter, die nicht selten aus schwierigen Verhältnissen kommen. «Zu oft sehe ich, dass Gesetze zwar gut angedacht sind, aber schlecht umgesetzt werden», sagt die 53-Jährige. Das Geld und die Hilfe käme nicht unbedingt da an, wo es gebraucht wird. Weiter erlebt sie, dass öffentliche Stellen am Kollabieren sind, es an Personal und wohl an Geld fehle. Lakonisch fügt sie an: «Und schaue ich um mich herum, sehe immer noch sehr viel Machismus.»

Carmen Mir aus Málaga arbeitet mit Familien, in denen häusliche Gewalt ein Thema
sein kann: «Gesetze sind in Spanien zwar gut angedacht sind, aber schlecht umgesetzt.»
Auch Experten und Expertinnen finden, dass mehr gemacht werden müsste, und fordern seit Jahren etwa intensivere Täterüberwachung oder eine bessere Risikoanalyse. Beispielsweise irrte sich das System VioGén beim diesjährigen ersten Femizid in Alhaurín el Grande: Die Gefahr, die vom Täter ausging, wurde als gering eingeschätzt, somit wurden gewisse Maßnahmen nicht eingeleitet – der Täter erhielt etwa keine Fußfessel. Aber auch eine Fußfessel kann ihre Tücken haben: Letztes Jahr kam es zu mehreren technischen Problemen mit Ausfällen, teils konnten sich betroffene Frauen nicht mehr in Sicherheit wähnen.
Für Remedios Cueto sind solche Fehler im System nicht einfach zu ertragen. Als Staatsangestellte ringt sie auf die kritischen Fragen ein wenig mit den Worten, räumt aber dann die Fehler klar ein: «Jede Frau, die stirbt, ist eine zu viel.» Die Regierung investiere sehr viel Geld in den Schutz für Frauen, und das spiegle sich in den Resultaten wider: «Die Zahl der Femizide sinkt in Spanien langsam, aber kontinuierlich», sagt die Instituts-Direktorin. 2023 seien es 58 ermordete Frauen gewesen, 2024 noch 49, und letztes Jahr 46. Tatsächlich ist die Opferrate im Vergleich zu anderen Ländern tief – in der kleinen Schweiz etwa wurden 25 Frauen und Mädchen 2025 im häuslichen Bereich getötet.
In Málaga sind im aktuellen Jahr – bis Mitte September – sechs Frauen vom Partner umgebracht worden, in ganz Spanien sind es 37.
Über 11’000 Telefonanrufe von Frauen
Das Telefon klingelt. Beim zweiten Mal sagt Cueto: «Entschuldigung, ich muss ran, es scheint dringend zu sein.» Sie erfährt: Eine gewaltbetroffene Frau hat entschieden, zurück zu ihrem Ehemann zu gehen, dies teilt ihr eine Arbeitskollegin mit. «Wenn eine Frau nicht will, können wir nichts machen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehemann ist etwas Furchtbares», sagt die Direktorin, nachdem sie aufgelegt hat.
Die Zahlen zeigen, dass sich viele Frauen bei der 24-Stunden-Notfallnummer melden, auch wenn es nur um Beratung geht. «2024 klingelte das Telefon 11’293 Mal», sagt Cueto, «in sieben von zehn Anrufen ging es um häusliche Gewalt.»
Und jetzt habe sich ja ein neues großes Problemfeld aufgetan, so die studierte Juristin: «Die digitale sexualisierte Gewalt ist beachtlich gestiegen.» Spanien plane derzeit ein ausgeweitetes Gesetz gegen digitale Gendergewalt. «Wir im Institut bieten den Frauen eine App an, damit sie abchecken können, ob jemand – der Partner – heimlich eine Überwachungs- oder Spyware-App auf ihr Handy installiert hat.»
Bald ist 14 Uhr, Mittagszeit in Málaga. Für Remedios Cueto bedeutet das aber nicht, komplett abschalten zu können. Sie wird erreichbar bleiben. Und wenn es um die Zukunft geht, sagt sie: «Solange Frauen umgebracht werden, gibt es noch einiges zu tun.» ♦
Hey Baby, ein Küsschen?
Catcalling wird zunehmend bestraft. Aber was ist Catcalling? Es bezeichnet verbale oder nonverbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, meist durch Männer gegenüber Frauen. Es umfasst Hinterherrufen, anzügliche Kommentare, Pfeifen, Kussgeräusche oder gaffende Blicke. Es handelt sich um ein respektloses, oft als bedrohlich empfundenes Verhalten, das im Gegensatz zu Komplimenten steht und zu Angst oder Scham führen kann. Catcalling ist im neuen Sexualstrafgesetz in Spanien unter Strafe gestellt worden. Deutschland diskutiert noch. (cal)
Gleichberechtigung in 50 Jahren?
Der Gleichstellungsindex Gender Equality Index bewertet wie nah ein Land an einer vollständigen Gleichberechtigung von Mann und Frau ist. Er misst die Fortschritte der Geschlechtergleichstellung in der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten.
Im aktuellen Gender Equality Index von 2025 belegt Spanien für Geschlechtergleichheit den vierten Platz in der EU. Mit 70,9 von 100 Punkten liegt das Land 7,5 Punkte über dem EU-Durchschnitt, der 63,4 Punkte beträgt. Damit hat sich Spanien seit 2010 um 15,4 Punkte verbessert. Spanien rangiert hinter Schweden (73,7 Punkte), Frankreich (73,4) und Dänemark (71,8).
Zurück zum EU-Durchschnitt : Die Punktzahl von 63,4 stellt über die Jahre betrachtet zwar einen Fortschritt dar. Doch bei diesem Tempo wird die vollständige Gleichstellung erst in etwa 50 Jahren erreicht. 2010 lag der Gender Equality Index noch bei 51,3 Punkten. (cal)
Notfallnummern für Frauen
Spanien hat die nationale Notrufnummer 016, speziell für Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt, bereits 2007 eingeführt. Erst 2025 hätte eine solche Nummer in der Schweiz in Betrieb genommen werden sollen. Da aber das Projekt unter anderem technisch komplex sei, dies teilte das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) letztes Jahr mit, habe man die Inbetriebnahme um ein paar Monate verschoben. Seit Mai 2026 läuft nun schweizweit die Kurznummer 142 für Hilfe für Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt. In Österreich gibt es die Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555 und in Deutschland das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016.
Alle Teile der Serie «Im Korsett» finden Sie hier.
Dieser Text hat Ihnen gefallen?
Die Inhalte von Tentakel sind frei verfügbar. Vielen Dank, wenn Sie unsere Arbeit mit einem kleinen Beitrag unterstützen. Per Twint oder mit einem Klick auf den Button.